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Samstag, 23.06.2007

Nomadenblut



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24. August bis 4. September 2006 – mein letztes großes Abenteuer. Mit diesem ging auch ein anderes praktisch zu Ende – das Abenteuer Japan. Natürlich hatte ich noch einen ganzen Monat Zeit, um mich zu verabschieden, um hier und da eine Kleinigkeit zu unternehmen, aber innerlich war ich bereits im Luftraum zwischen dem östlichsten Osten und dem westlichsten Westen des gigantischen eurasischen Kontinents. Der Sommer erdrückte mich mit seiner schwülen Hitze, das Aufstehen früh am Morgen machte überhaupt keinen Spaß und schob sich von Tag zu Tag weiter in die Mittagszeit hinein; dafür verlagerte sich meine gewöhnliche Zu-Bett-geh-Zeit auf etwa drei oder vier Uhr Morgens. Ich begann, in eine leichte Angst vor der Heimkehr zu sinken. Japan kam mir mit einem Male vor wie ein Reisender im Zug aus der Gegenrichtung, der den kurzen Aufenthalt im Bahnhof nutzt und seine Hand aus dem Fenster streckt, um die meine zu ergreifen – gleich wird das schrille Pfeifen des Schaffners ertönen, die Züge werden weiterfahren, gleich werde ich loslassen müssen und diesen Menschen verlieren, für immer verlieren. Ich werde Japan in dieser Form, unter diesen Bedingungen, nie wieder begegnen. Jetzt bin ich zum ersten Mal da, erlebe dieses Jahr als eine Einheit, als eine Entwicklung, einen geschlossenen Kreis. Es kann nie wieder so werden, in keinem Land der Erde, es kann nur ein erstes Mal geben. Der 30. September wird mein letzter Japan-Tag sein, diese Etappe wird damit zu Ende gehen. Und dieses Faktum zu wissen, ist vergleichbar mit dem Wissen um seinen eigenen Tod.

Wenn ich mir den Lernprozess noch einmal ins Bewusstsein hole, drängt sich mir ein Bild auf: das Bild des Kindes in der Grundschule, das zunächst das Lernen lernt, bevor es an die einzelnen Fächer gelassen wird. Ich habe genauso lernen gelernt. Habe sprechen gelernt. Das Leben in Japan ist in kleine mundgerechte Portionen zerteilt und steril verpackt worden, bevor es den Weg zu mir gefunden hat. Mag sein, dass es eine zu einfache Vorgehensweise ist. Zu unselbstständig, zu sehr „an der Hand geführt“. Doch als erster Schritt hat solch ein Lernvorgang durchaus seine Existenzberechtigung. Dadurch hatte ich nämlich die seltene Möglichkeit, gründlich zu lernen. Aufmerksam und hochinteressiert. Und das ist wohl die beste Vorbereitung für alles weitere, das im Leben womöglich noch auf mich einstürzen wird.

Wenn ich durch meine alten Einträge blättere, springt mir eine gewisse Naivität immer wieder ins Auge. Ich habe vieles beobachtet, ohne es erklären zu können; manches habe ich anhand mir plausibel erscheinenden Erklärungen interpretiert. Meine Sichtweise von gewissen Dingen hat sich im Laufe der Zeit verformt, verändert, ich bin bei der Beurteilung von Erlebnissen vorsichtiger geworden. Ich weiß, dass das, was ich sehe, ein anderer Mensch anders sehen könnte, oder dass das, was mich verwundert, für andere völlig selbstverständlich sein könnte. Aber ein objektiver Bericht ist nicht nötig, sollte nicht erwartet werden – ich möchte Japan nicht in ein Jahr fixieren, darin erstarren lassen, Allgemeinaussagen formulieren und ein Fazit ziehen. Nein, ich habe nur gepuzzelt, habe mein Bild aus Bruchstücken konstruiert, bin für eine kurze Zeit in einem Fluß mitgeschwommen – und jetzt stehe ich wieder am Ufer, alles Gewesene ist längst vorbeigezogen, das Neue wird bis in die Ewigkeit nachrücken. Aber ich bin mir sicher, dass sich irgendwo ein gigantisches Meer erstreckt, in welchem alle Flüsse münden, in dem alle Kulturen zusammenlaufen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen. Auch ich habe zu diesem Meer etwas beizutragen, ich werde mit Sicherheit eines Tages davor stehen. Ganz sicher.

Viel ist in diesem September nicht mehr passiert. An einem verregneten Tag beschloss ich, in die Stadt zu fahren und mir einen Kino-Besuch zu gönnen. Ich hatte den letzten Teil der X-Men-Triologie noch nicht gesehen, also radelte ich hinunter in den Yuda-Bezirk, informierte mich im Kino nach den Zeiten und hatte noch genügend Zeit, um der Yamaguchi-Shi Toshokan, der großen Stadtbibliothek „Big Wave“ einen Besuch abzustatten und danach im famiresu eine Kleinigkeit zu essen.
Die Tore des Kinosaals öffneten sich, eine gigantische Menge aufgeregter Fans strömte ellbogenrudernd hinein und lieferte sich heftigste Kämpfe um die besten Sitzplätze.
Entschuldigung, ich war gerade im falschen Film. Niemand betrat das Kino hinter mir, niemand saß in den Sitzreihen. Niemand knabberte Popcorn oder trank heißen Kaffee, niemand tuschelte über den zweiten X-Men und freute sich auf den dritten. Ich war ganz allein.
Ein japanischer Kinosaal ganz für mich allein.
Schön.

Gezeigt wurde die Originalversion mit japanischen Untertiteln, was ich wirklich gut fand und samt Kopf in die düstere Mutantenatmosphäre tauchen konnte. Ein interessantes Erlebnis, so eine Einzelvorführung.

Einige Zeit später lud mich Franz Emde – von dem ich zuvor schon erzählt habe – zu einer Wanderung auf einen der höchsten Berge um die Stadt Yamaguchi, den Hôben-san ein. Endlich wieder Sport und frische Luft!, freute ich mich und packte meine Kamera ein. Es war ein wirklich schöner Aufstieg, der etwa eine Stunde lang gedauert hat, und die Aussicht von oben war natürlich herrlich. Man konnte sogar einen Blick auf das 30 Kilometer entfernte Akiyoshidai erhaschen – ein großer dürrer Fleck inmitten grüner Waldteppiche. Meine letzte Bergwanderung in Japan. Die letzte Aussicht auf Yamaguchi von oben. Ein trauriger Abschied von japanischen Reisfeldern, japanischen Gewächsen, Häuschen, Kiefern und Waldpfaden.








Auch Kuni wollte mir ein paar schöne Erinnerungen und Ausblicke mit auf den Heimweg geben und nahm mich eines Abends mit auf einen Berg in Hôfu, der eine Aussichtsplattform und einen kleinen Freizeitpark beherbergte, in dem man sich vor allem in einer menschenleeren Nacht richtig schön austoben konnte. Den Spielplatz benutzen, ohne von anderen Leuten schief angeguckt zu werden – ein Traum! :-) Wir schlitterten einen Kunstgrashügel herab, kletterten auf den Gerüsten, liefen barfuß einen mit Steinchen und Zacken versehenen Parcour, wobei sich ironischerweise herausstellte, dass ich das Barfußlaufen viel besser beherrsche als der wehleidige Japaner Kuni, der auf den Hubbeln nicht einmal stehen konnte, während ich problemlos davonspazierte. Vermutlich sind Tatami-Matten einfach zu weich für ein entsprechendes Training …

In einem anderen Park in der gleichen Nacht suchten wir verzweifelt nach Glühwürmchen und konnten höchstens zwei oder drei der kleinen Käfer erspähen. Auf dem Rückweg machte ich dafür eine sehr seltene Entdeckung – ich sah einen Wildschwein-Frischling, der vor den Autoscheinwerfern in den Wald floh. „Das sieht sonst kaum jemand“, meinte Kuni und definierte dieses Erlebnis somit als eine Besonderheit :-)

In den letzten Tagen des Septembers fanden wir – Kuni, Geki, Nakata, Yamada und ich – uns in Yamadas kleiner Wohnung ein und ließen das letzte Jahr in einem Strom aus grünem Tee und Vodka noch einmal durch uns durch- und an uns vorbeifließen. „Und – wie war es?“, fragten sie mich. Unweigerlich wird diese Frage gestellt und muss auch unweigerlich beantwortet werden. „Danke“, sage ich. Ohne meine in so kurzer Zeit gewonnenen Freunde wäre ich nicht einmal an den Rand meines „Ausländerin in Japan“-Daseins gekommen, geschweige denn hätte es darüber hinaus geschafft. Ohne ihr Engagement, ihre Integrationsbereitschaft meiner Wenigkeit in ihre Welt wäre ich ein Jahr vor den Toren gestanden und hätte durch die Wurmlöcher in den Holzbrettern in das Innere gelugt. Dieses Jahr, die Erfahrungen, die mir zuteil wurden, die Erkenntnisse, die sich in meinem Kopf gebildet haben, das alles scheint in der selben unnatürlichen Dichte wie gepreßter Sauerstoff in einer kleinen Flasche nun in meinem geistigen Erntekorb seinen Platz gefunden zu haben. Es war weitaus mehr als ich in einem „normalen Jahr in Deutschland“ je erlebt habe. Es war zu viel. Viel zu viel. Und es macht süchtig.
„Würdest du nochmal herkommen?“
Was für eine Frage. Natürlich. Ich weiß nicht wann, aber ich werde. Ganz sicher. Ich werde meine Mama mitnehmen und sie in den Onsen schicken. Werde mich bis zum Umfallen mit Sushi vollstopfen. Werde Hokkaidô mit dem Fahrrad erforschen, nach Shikoku fahren, Sadogashima erkunden. Und ich will sehen, was dann aus euch geworden ist. Beamte, Verlagsleiter, Mazda-Chef? Japanweit bester Journalist oder doch Weltreisender mit abgebrochenen Wurzeln? Familien mit Kindern? Oder doch lieber Einzelgänger?
Ich will das unbedingt wissen, deshalb haltet mich bitte auf dem Laufenden. Und spätestens mit sechzig treffen wir uns alle wieder, setzen uns in eine gemütliche Ecke im Joyful und lachen über die Welt vor vierzig Jahren. Oder weinen. Und dann können wir die Fragen, die uns so beschäftigen, vielleicht tatsächlich beantworten. Was Veränderung bedeutet. Reue, Versprechen an sich selbst. Lebensplanung und Spontaneität. Was uns im Leben wirklich wichtig ist, wichtig war. Fragen, die wir jetzt nicht beantworten können, weil wir für eine repräsentative empirische Auswertung einfach nicht genügend Jahre auf dem Buckel haben.

Oder irre ich mich? Oder steht das Leben genau da still, wo wir es anhalten, um darüber nachzudenken, und liefert bereits genug Stoff für ein Urteil? Bisher war mir meine Familie wichtig – ist das nicht bereits relevanter Lebensinhalt?

Wir werden nie über uns urteilen können, denn wir halten nie still. Wir sind unzähligen Einflüssen ausgesetzt und bahnen uns oft blind unseren Weg durch das Gewirr der Tage. Aber wir machen Erfahrungen. Wir können sie austauschen. Wir können darüber lachen.


Die Nacht schritt voran, Geki und Nakata verabschiedeten sich und es blieben nur Yamada und Kuni zurück, wobei Yamada nicht zu den geistig Anwesenden gezählt werden konnte, denn er lag zusammengerollt zwischen dem Tisch und der Fensterwand und schlief gerade den Vodka aus seinem Blut. Also beschlossen Kuni und ich, ihn weiter schlummern zu lassen und uns ein Frühstück im benachbarten Joyful zu gönnen. Um zwei Uhr Nachts setzten wir uns also in einem nicht völlig leeren famiresu an ein Tischchen und bestellten zunächst All-you-can-drink. Da wir beide recht hungrig waren – wer ist das nach einer mit Reden und Trinken verbrachten Nacht denn nicht – bestellten wir uns ein paar Kleinigkeiten und unterhielten uns. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber wir hatten genug Stoff bis fünf Uhr Morgens, bis der Himmel von hellen Streifen durchzogen wurde und wir zurück zu Yamada trotteten, der bereits halbwegs wach vor seinem PC saß. Dann war es auch an mir, der Müdigkeit nachzugeben und mich nach Hause zu verabschieden, um ein bisschen zu schlafen und meine Abreisevorbereitungen zu vollenden.





Fertig gepackt, alles Unnötige aber Brauchbare in Kisten verstaut und meinen Erlanger Nachfolgern hinterlassen. Mit Yamadas Hilfe das Skateboard zerlegt, das Brett an den Koffer geklebt und die Konstruktion mit ein paar Schichten Seil verstärkt – was mir letztendlich zum Verhängnis werden sollte. Ein letztes Luftholen, ein Blick vom Balkon auf die Berge, auf die Häuser, auf den Baum, und Abschied. Tschüß, kleines Zimmer Nummer 304, tschüß, kokusaikôryûkaikan, tschüß, Stadt Yamaguchi. In Kunis Auto fuhren wir zunächst zum Kirara-Dom – der großen weißen Kuppel, an der ich zum ersten Mal das japanische Meer fotografiert habe, Okonomiyaki essen durfte und Kuni begegnet bin. Das ist also auch das letzte Mal japanisches Meer. Die Setônaikai. Wir schossen ein paar Fotos vor einer lustigen Statue, schlitterten einen Grashügel auf bereitgelegten Kartons herab und aßen takoyaki, bevor wir letzten Endes zum Bahnhof in Shin-Yamaguchi aufbrachen. Dort suchte ich zunächst einen au-Shop auf, um meinen Handyvertrag zu kündigen und die letzte Rechnung zu begleichen. Das Kündigen war auch kein Problem, nur als mir der Herr am Empfang die Quittung aushändigte und bereits Anstalten machte, sich zu verabschieden, wurde ich doch ein wenig stutzig. „Muss ich das nicht bezahlen?“, fragte ich etwas verwirrt. Das ist okay, meinte er, das wird von Ihrem Konto abgehoben. Jetzt wäre der richtige Moment gewesen, sich umzudrehen und leise und unauffällig davonzumachen, aber irgendwie bin ich nicht der Typ, der zu solchen Gemeinheiten fähig ist.
„Entschuldigung, aber mein Konto ist bereits aufgelöst, da ich morgen heimfliege …“
Der Herr bedachte mich mit einem leicht erschrockenen Blick, schnappte sich die Quittung, und verschwand mit einem „chotto matte kudasai“ in einem Hinterraum. Ob er sich erst bei seinem Chef erkundigen muss, ob er das Geld auch in bar annehmen darf? Wäre schön, wenn die Bürokratie ihm das verbieten würde, dachte ich, aber nein, da kam er schon wieder, entschuldigte sich und bat mich um eine Begleichung der Telefonrechnung. Das Letzte, das man in einem fremden Land zurücklassen sollte, ist sein Gewissen :-)





Wisst ihr noch? Das Foto mit dem kleinen Affen am Strand :-)









Und schon standen wir in der Bahnhofshalle und warteten auf den Zug nach Shimonoseki. Das hieß ersteinmal Abschied nehmen von Kuni, und ich ließ ihn mir versprechen, dass er mich nun seinerseits besuchen kommt. „Dieses Jahr noch! Solange die Arbeit nicht begonnen hat …“ Yamada und ich kauften uns Zugtickets, begaben uns zu den Gleisen und ließen Kuni in Shin-Yamaguchi zurück. Auf nach Shimonoseki, dort bei Yamada übernachten und am nächsten Tag mit dem Auto nach Fukuoka, zum Flughafen. Zur Abreise.

„Du hast doch bestimmt eine Menge Bekanntschaften geschlossen, während du in Japan warst“, meinte Yamada im Zug. „Mit bestimmt viel interessanteren und reiferen Leuten als Typen wie mir oder Kuni. Dennoch verbringst du deine letzten Tage hier mit uns.“ Ich musste lachen. „Ihr seid doch meine besten Freunde.“ – „Ich wollte nur danke sagen.“

Auch ich kann nicht oft genug danke sagen. Danke, dass ich eure Leben aufmischen durfte. Danke, dass ihr meins aufgemischt habt. Danke, danke, danke.


So verging auch der letzte Tag in der japanischen Präfektur Yamaguchi. Am Abend wurde ich herzlich von Yamadas Mama empfangen, und wir begaben uns in ein französisches Restaurant mit Blick auf das nächtliche Shimonoseki.
Ich habe in Japan zum ersten Mal französisch gegessen. Welch Ironie.
Das Essen war … köstlich. Ohne Übertreibung. Teilweise wusste ich nicht, was ich da aß, der Geschmack war völlig neuartig – aber unglaublich gut. Unmengen kleiner Teller mit kleinen Portionen aller möglichen kleinen Dinge. Meeresfrüchte, Schinkenstreifen, Käseauswahl, dieses und jenes Gemüse, verschiedene Soßen … Ein Glück, dass der Kellner uns vor jedem Gang in die Benutzung des Bestecks einwies, denn trotz aller Erwartung seitens meiner Gastgeber, dass ich ja als „Europäerin“ Bescheid wissen müsste, war ich dem wüsten Metallfeld vor mir hilflos ausgeliefert.
Was mir bei den Tischgesprächen wieder einmal auffiel, war die Ähnlichkeit von Eltern-Kinder-Beziehungen über alle Nationen hinweg. Kinder glauben immer und überall, sich für ihre Eltern schämen zu müssen. Egal welches Thema die Eltern auch anschneiden – es ist immer das Falsche und Unpassende. Egal in welchem Tonfall die Eltern mit den Freunden der Kinder reden – vor allem mit den ausländischen Freunden – es ist immer „komisch, unnatürlich vereinfacht und gänzlich fehl am Platz“. Es hat mich als Außenstehende natürlich recht amüsiert, wie Yamada seiner Mama ständig Vorhaltungen darüber machte, dass sie die komplizierten Wörter nicht aus ihrer Rede zu amputieren brauche. Eltern und Kinder, nicht wahr.




Ein köstlicher Abend, eine erholsame Nacht, und ein früher Aufbruch – durch das Straßengewirr Kitakyûshûs in Richtung Flughafen Fukuoka. Wir kommen problemlos am Flughafen ein und ich will mein Gepäck abliefern – wohlgemerkt, 28 Kilo, acht über dem zulässigen Gewicht. Irgendwie konnte ich mich nicht entschließen, Bücher per Post zu schicken, und nun ist mein Koffer voll davon. Ob das durchgehen wird?
Nach dem Röntgen kommt eine ganz unerwartete Bitte: „Wenn Sie da Alkohol drinhaben, legen Sie es bitte ins Handgepäck!“
Toll. Widerstand ist zwecklos.
Wir schneiden das Seilchaos also mit einem Cutter herunter, Papas Apfelwein wird hervorgeholt und in den Rucksack verfrachtet. Handgepäck etwa zwölf Kilo – bei acht zulässigen. Dazu noch der Koffer mit dem Laptop … und die Videokamera. Ich beginne ein bisschen zu schwitzen. Der Koffer wird mit Klebeband verarztet und zur Waage gebracht. Bitte sagen Sie jetzt nichts! Bitte nehmen Sie ihn einfach an! Bitte bitte!!
„Tut uns Leid, aber Ihr Koffer ist zu schwer. Bis 25 Kilo drücken wir noch ein Auge zu, bei 28 müssten Sie 20 Tausend Yen nachzahlen …“ Ach, wissen Sie was … Ich nehme drei Kilo einfach raus. „Und bitte auch mindestens zwei Kilo beim Handgepäck.“ Oh, das Handgepäck? Natürlich. Danke, dass Sie den Laptop nicht dazuzählen. Und die Kamera. Drei Handgepäckstücke bei einem erlaubten … was tun wir uns da eigentlich immer an … ?
Yamada und ich gehen ans Umsortieren. Alle Unterlagen und Bücher, die ich zum Glück in der Vordertasche verstaut habe und deshalb das Klebeband nicht zerreißen muss, werden nach außen befördert. Dicke, dicke Stapel mit Lernblättern. Bücher über Bücher. Ich konnte sie doch nicht schicken! Was, wenn sie nicht ankommen würden? Was, wenn …
Hippelig, zappelig und zitternd sortiere ich mein Handgepäck um, während Yamada mich beruhigt: „Kein Problem. Ich schicke dir die Bücher einfach zu. Gut, dass ich mitgekommen bin.“ „Du sagst es.“ Koffer und Handgepäck, die um fünf Kilo abgenommen haben, werden zurück zur Waage befördert und bekommen diesmal grünes Licht. Danke! Danke! Mit fünf Kilo Überschuß und zwei Gepäckstücken zu viel.
Ich überreiche Yamada meine Bücher und einen 10-Tausend-Yen-Schein – „yoroshiku ne…“ und verschwinde auf der Toilette, um die mitgebrachte Tüte Klamotten und diverse Accessoirs auf meinem Körper zu verteilen – bestimmt an die zwei Kilo zusätzlich. Was habe ich eigentlich in meinem Koffer? Außer Skateboard, Tassen und Tongefäße, CDs, Geschenke, Geschenke, geschenke …
Yamada lacht, als er mich wieder erblickt. „Ist das nicht zu warm?“ „Shou ga nai – da kann man nichts machen“, antworte ich und lasse mich brav ablichten. Wir frühstücken ein paar Brötchen und mochi, die Yamadas Mama für uns bereitgestellt hat, versprechen uns ein baldiges Wiedersehen, und Yamada überreicht mir noch ein letztes Geschenk – sein schwarzes Cappy mit der roten Feuerteufel-Stickerei, das ihn nach Nagasaki und zurück begleitet hat. „Zur Erinnerung“, meint er. Als könnte ich so etwas jemals vergessen. Aber wer weiß – Menschen vergessen die eigentümlichsten Dinge.
Ich will nicht vergessen. Niemals. Gar nichts. Ich will, dass alle Erlebnisse und Erfahrungen als feste Bausteine in meinem Geist weiterleben. Ich will nicht auf dem Leichenhaufen meiner Kindheitserinnerungen sitzend erwachsen werden. Ich will nicht erst in meinem Geist kramen müssen, bevor ich etwas Schönes finde, das mir irgendwann einmal begegnet, passiert ist. Ich will nicht in der Vergangenheit leben, aber auch nicht im leeren Augenblick – ich will, dass die Vergangenheit den Augenblick mitbaut.
Ich verabschiede mich. Von jemandem, mit dem ich bei unserer ersten Begegnung in einer kleinen, lauten Bar über Dazai Osamu sprach, und über den russischen Humor. In einem gebrochenen und unverständlichen Japanisch, wie mir damals schien. Ich verabschiede mich von einem Menschen, nicht von einem Japaner. Von einem Freund.

Danke, dass ich nach Japan durfte! Danke, dass ich in Yamaguchi war! Danke, dass ich von Nagasaki bis Nemuro die sonderbarsten, wunderbarsten, eigentümlichsten Orte besuchen, Menschen treffen durfte, dass ich gewöhnliche und ungewöhnliche, bekannte und unbekannte Seiten eines Landes zu sehen bekam, welches meine Neugierde auf die gesamte Welt unglaublich angeheizt hat. Ein Spaziergang zwischen den Kulturen trägt nicht nur zum interkulturellen Verständnis bei, sondern lehrt auch den Respekt zum eigenen Nachbar, der eine genau so geschlossene und fremde Welt sein kann wie ein weit entferntes Land. Er lehrt die Fähigkeit, ungewöhnliche Perspektiven und Sichtwinkel anzunehmen, Veränderungen an sich selbst zu registrieren und zu akzeptieren. „Weggehen, um sich selbst zu finden“ – eine Aussage, die einen sonderbar esoterischen und parasitären Nachklang hat in einer Zeit, in der Menschen sich freiwillig in Kategorien einteilen und vor künstliche Wahlen stellen wie „angepasst oder exzentrisch“, „Aufopferung oder Selbstverwirklichung“, „asoziales Zurückziehen oder soziale Integration“. Jedoch möchte ich eine andere Definition mitgeben – Weggehen von der Selbstverständlichkeit, denn Selbstverständlichkeit, Alltag und Routine zerstören den Menschen unvermeidlich. Sich selbst finden als seiner Existenz bewusst werden und sich einen Platz suchen, anstatt einen bereitgestellten der Einfachheit halber anzunehmen. Somit bin ich nicht wiedergekommen – ich bin noch immer dabei, wegzugehen. Der Schritt nach Japan und zurück war einer der ersten Schritte überhaupt.

Und nun sitze ich in Taiwan auf dem Flughafen und tippe in meinen Laptop. Vorhin noch hatte ich ihn fast verloren – beim Essen in einem taiwanesischen Flughafenrestaurant bemerkte ich seine Abwesenheit, wobei ich kaum jemals eine solche Panik verspürt habe wie in jenem Moment. Ich erinnerte mich, dass ich nicht nur meinen Rucksack und meine Kamera und meine Gürteltasche dabei hatte, sondern auch noch den silbergrauen Koffer, auf den ich immer ganz besonders aufgepasst habe. Ich weiß nicht, worüber ich mir mehr Sorgen machte – über den Laptop selbst und den wertvollen Festplatteninhalt (Japanfotos, Blogeinträge, Romanmanuskript …) oder doch eher um den Reisepass und die Flugtickets, die bequem im Innenfach verstaut waren. Wo ist mein Koffer? Schlimm, diese Abhängigkeit von materiellen Dingen … Vor dem Geldwechselschalter war er nicht. Auch nicht in der Damentoilette. Vielleicht an der Bank, auf der ich recht lange Zeit verbracht und aus dem Fenster gestarrt habe? Natürlich. Um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, hatte ich ihn zwischen die graue Sitzfläche und meine Beine gestellt, woraufhin er sich mit dem Grau verbunden hatte und ganz unscheinbar geworden war. Da steht er und wartet auf mich, beherbergt meine schönen Flugtickets und meinen Reisepass, der meine einzige Garantie dafür ist, dass ich je wieder nach Hause darf. Nichts gegen Taiwan, aber …







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Mensch sein ist schwer. Vor allem in der heutigen Zeit. Es gibt Flugzeuge, Züge, Schiffe, der Mensch ist fähig, sich mich Überschallgeschwindigkeit fortzubewegen. Früher hatte er sein Dorf, in dem seine Familie, sein Nachbarsdorf, in dem seine Tante lebte, und all seine Sandkastenfreunde konnte er jeden einzelnen Tag besuchen, bis diese die Nase voll hatten. Es gab keine Fernbeziehungen, weil keiner etwas von der Ferne wußte, weil diese unerreichbar war. Keine Freundschaften über Kontinente hinweg, da keiner über die Kontinente jemals auch nur nachgedacht hatte. Man lebte mit den Leuten, die man gern hatte, zusammen und kannte weder Kummer noch Sorge. Und heute?
Heute ist alles anders. Heute fliegen wir in vierzehn Stunden mal schnell nach Japan hinüber, wenn wir nur das Geld auftreiben können. Und die Zeit. Morgen treffen wir ein paar Leute, übermorgen freunden wir uns an. Wundern uns, sogar in einem solch fernen Land jemanden gefunden zu haben, mit dem man reden kann. Egal in welcher Sprache. Egal worüber. Wir beeinflußen uns ein paar Tage lang gegenseitig, weiten unsere engen Blickwinkel auf die ganze Welt aus, drehen unsere Leben mal links mal rechts in neue Richtungen … und in einer Woche ist alles vorbei. Zuhause ruft, denn auch da warten Freunde, wartet Familie, und auch wir selbst wollen zurückkehren, wollen Bekanntes sehen … Wir setzen uns in Flugzeuge und heben ab. Über den Ozean, über die Berge, in ein paar wenigen Stunden sind wir wieder da. Ein Mensch wächst mit jedem einzelnen Schritt, den er in eine neue Richtung macht. Er verknüpft, baut Verbindungen auf, schlägt Brücken. Er hinterlässt Spuren, er nimmt Geschenke mit, Adressen, Lächeln, Tränen, doch wieviele Brücken kann er instandhalten? Wieviel kann er ertragen?
Freundschaften, die über immense Entfernungen hinweg halten, sind richtige Freundschaften. Doch es sind zugleich auch traurige Freundschaften, mit Beschränkungen, Grenzen, offenen Kapiteln. Nein, da ist nichts zu machen. Wir leben in einer globalen Welt, wir sind froh, die Möglichkeit zu haben, weit wegzugehen und herauszufinden, dass auch da Menschen sind, die einem wichtig werden können. Wir müssen die Lasten tragen, die damit einhergehen, niemand schleppt uns unser Reisegepäck hinterher.


Ich bin heraus aus dem Exil, das mir bereits zur zweiten Heimat geworden ist. Es war wie ein Stück Märchenwelt, eine neue Umgebung, die nur für mich erschaffen wurde, ich war schon fast verliebt in diesen Ort. Wie ein Kind im Vergnügungspark kam ich mir vor. Ein Jahr Urlaub. Auch Urlaub ist anstrengend. Aber zugleich so erholsam, so inspirierend.
Ihr habt Recht, es ist alles eine Frage der Einstellung. Aber das muss ich erst erkennen. Muss es mir bewusst machen.

Und es umsetzen.


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